Montag, 24. September 2012




Interview mit Herlambang Bayu Aji von DESIDERATA am 29. September 2012

Desiderata:
Du lebst und arbeitest seit 2010 als Maler, Graphiker und Schattenpuppenspieler in Berlin. Woher kommst Du ursprünglich und was hat dich nach Berlin gebracht?

Herlambang Bayu Aji:
Ich komme ursprünglich aus Surakarta, Java, Indonesien. Berlin ist bekannt dafür, dass hier viele Künstler wohnen und arbeiten. Berlin ist ein Treffpunkt für Künstler aus der ganzen Welt.  Hier kann ich verschiedene Künstler treffen. Hier gibt es viele Galerien, Museen, Kunst - und Kultur Veranstaltungen. Deswegen denke ich, dass ich hier viele Möglichkeiten habe  etwas zu lernen und  meine Arbeiten zu machen.

Desiderata:
Du interpretierst das traditionelle indonesische Schattenpuppenspiel neu. Welche Bedeutung hat das traditionelle Schattenspiel in Deiner Heimat und wie können wir uns eine Aufführung dort vorstellen?

Herlambang Bayu Aji:
Traditionelles indonesisches Schattenpuppenspiel in meiner Heimat ist etwas Besonderes. Eine riesige Bühne mit Leinwand auf einem großen Feld, ein Schattenpuppenspieler , 25-40 Gamelan-Musiker und Sänger, tausende  Zuschauer, Essensverkäufer und Spaß bis zum Sonnenaufgang.




Desiderata:
Und wie ist eine Aufführung vor einem europäischen Publikum im Vergleich? Wie nimmt das europäische Publikum das Schattenpuppenspiel war?

Herlambang Bayu Aji:
Es ist hier ganz anderes. In Deutschland sehen sich die Leute fast immer den Schatten an.
In Indonesien  sitzen  die Leute meistens hinter dem Schattenpuppenspieler  und sehen also nicht nur den Schatten, sondern auch die Puppen und die Musiker.
Das heißt, dass die Leute in Deutschland sehr ruhig sind und der Geschichte folgen.  In Indonesien sehen die Leute das Schattenpuppenspiel und gleichzeitig essen sie, reden oder spielen Karten. Manche  Leute schlafen auch, so wie hier im Park.
Die Leute hier sind schon sehr offen. Sie sind interessiert und begeistern sich für neue Sachen. Deutschland hat aber ein anderes Klima. Es ist sehr schwierig in Deutschland im Freien indonesische Schattenpupen zu spielen, obwohl ich es schon ein paar Mal gemacht habe. Im Sommer ist es bis in den Abend hell. Um den Schatten zu sehen muss es aber  dunkel sein. Im Winter ist dunkel aber viel zu kalt. Also geht es dann leider auch nicht.



Desiderata:
Du unterscheidest klar zwischen dem traditionellen Schattenpuppenspiel und Deiner zeitgenössischen Version und nennst Dein Schattenpuppenspiel WAYANG RAJAKAYA(radschakaya). Es handelt sich ja um ein zusammengesetztes  Wort.  Kannst Du uns das genauer erklären?  Wo liegen die Unterschiede zur traditionellen Form?

Herlambang Bayu Aji:
Wayang bedeutet ungefähr Puppen, die wir benutzen, um Geschichten über das Leben zu erzählen. Rajakaya bedeutet Vieh und Vieh zu haben hat früher Wohlstand bedeutet. Ich habe diesen Namen gewählt, weil es in meinen Geschichten am Anfang um die Tiere in einem Bauernhof ging. Die Unterschiede zwischen Wayang Rajakaya und indonesischen traditionellen Schattenpuppen sind an den Figuren, der Geschichte und der Aufführung zu sehen.  Die traditionellen Schattenpuppen handeln von Ramayana und Mahabarata. Das sind zwei  Epen, die ursprünglich  aus Indien kommen und von Menak oder Panji(was ist das?). Ich habe aber die Geschichten selber geschrieben. Es Geschichte geht um Vieh auf dem Bauernhof. Aber eigentlich benutze ich das Vieh nur als Symbol für die Menschen oder die Gesellschaft und Bauern als Symbol für eine Regierung oder Kapitalisten. Die Aufführung ist auch anderes. Eine Performance von Wayang Rajakaya dauert nicht 6 Stunden lang, sondern ungefähr 30 Minuten bis 2 Stunden. Die Musik ist auch unterschiedlich, da ich auch in Indonesien eher mit zeitgenössischen Musikern gearbeitet habe.



Desiderata:
Betrachtet man Deine Figuren, dann sind es Tiere mit menschlichen Zügen. Inhaltlich geht es in Deinen Geschichten sehr oft Umweltthemen. Manchmal ist es sozial- und gesellschaftskritisch.  Du lebst jetzt in Deutschland. Haben sich Deine Themen auch dadurch verändert?  Und Dein Leben in Berlin ? Interessieren Dich auch Berliner Themen ?

Herlambang Bayu Aji:
Ja, ich verwende meine Kunst um unsere Gesellschaft zu kritisieren.  Durch das Schattenspiel kann ich meine Gedanken freier kommunizieren. Seit ich in Berlin bin, wurden die Geschichten manchmal von europäischen Märchen beeinflusst. Die Themen sind verändert, weil ich hier ganz andere Sachen sehe. Hier gibt es eine andere Gesellschaft, eine andere Kultur, andere Probleme und andere Schönheiten. Ja, ich interessiere mich sehr für Berliner Themen wie Einwanderun, Urbanität, Integration, Multikulti, alles. Deshalb mache ich mit Camilla unser „Enjoy My Berlin“ Projekt.



Desiderata:
Und nun zur Herstellung. Ursprünglich werden die Schattenpuppen aus Büffelleder und Büffelknochen hergestellt. Wo bekommst Du die Büffel her? (Gibt s die in Brandenburg?). Hat sich auch die Art verändert, wie Du Deine Puppen herstellst?

Herlambang Bayu Aji:
Ich habe leider bis jetzt kein Büffelleder gefunden, das ich für Schattenpuppen verwenden kann. Vielleicht sollte ich eigene Büffel halten. Nun mache ich meine Puppen aus Pappe.


Desiderata:
Du bist zwischen Oktober 2010 und Juli 2011 sechs Mal umgezogen. Wie war Deine Arbeitssituation?

Herlambang Bayu Aji:
Es war schwierig solang wir noch keine eigene Wohnung gefunden hatten. Weil ich keine Arbeitszimmer hatte. Aber zum Glück haben meine Freunde mir ihre Räume angeboten. Und ich habe in die verschiedenen Wohnungen gearbeitet.

Desiderata:
Du bist mit der Band die 17 Hippies im Programm der islamischen Nächte aufgetreten und hattest vor kurzem ein Projekt in den Niederlanden, für den letzten Sendetag einer  indonesischen Radiostation. Was ist Dein aktuelles Projekt?

Herlambang Bayu Aji:
Mein aktuelles Projekt heißt „Enjoy My Berlin“. Es geht um einen Igel, der aus dem Wald in die Großstadt kommt und mit seinen Freunden die Stadt erlebt. Dafür sammle ich gerade noch Ideen.

Fotos: Ulrike Folie





„DESIDERATA. Ein Festtag der Wünsche. In Berlin“ ist die erste Edition eines Festivals, das die Berliner Öffentlichkeit auf das Leben der „Outsider“ aufmerksam machen will:
Im Zentrum ungewohnter, charmanter Veranstaltungsformate stehen Intellektuelle und Kulturschaffende, die sich bewusst für die Metropole Berlin als Lebens- und Arbeitsort entschieden haben. Weil sie hier wie nirgends sonst ihre eigene kulturelle Identität in das gesellschaftliche Miteinander einbringen können – sie sehen die Stadt aus einer „Außenperspektive“ und sind gleichzeitig ein zentraler, inspirierender Teil von ihr.
Im Rahmen der DESIDERATA wird Berlin zum Theater der Visionen seiner ausländischen Einwohner. Während die Stadt dieselbe bleibt, verändert sich die Perspektive: So hat man Berlin noch nie gesehen!



Treffsichere Porträts aus dem Tierreich und Geschichten von Mensch und Natur suchen ihren Platz im hektischen Berlin.
Was entsteht, wenn ein Künstler sich durch einen Umzug bedingt in einer neuen Gesellschaft wiederfindet?
Welchen Einfluss haben veränderte Umgebung und Umwelt auf Erzählungen und Figuren? Wie behauptet sich der Künstler? Tauche ein in die Welt der Fabeln von Bayu H. und entdecke ihre Metamorphose im urbanen Berlin.

mehr Info und anmelden: www.desiderata-berlin.de

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen